„Up In The Air“

Lost in Recession

USA 2009, Regie: Jason Reitman; Buch: Jason Reitman, Sheldon Turner (Roman: Walter Kim); Kamera: Eric Steelberg; Musik: Rolfe Kent; Produktion: Jason Reitman, Ivan Reitman, Jeffrey Clifford, Daniel Dubiecki.

Darsteller: George Clooney (Ryan Bingham), Vera Farmiga (Alex Goran), Anna Kendrick (Natalie Keener), Jason Bateman (Craig Gregory), Amy Morton (Kary Bingham), Melanie Lynskey (Julie Bingham), J.K. Simmons (Bob), Sam Elliott (Maynard Finch), Danny McBride (Jim Miller), Zach Galifianakis (Steve), Chris Lowell (Kevin).

Verleih: Paramount. Laufzeit: 110 Minuten. Kinostart Dtl.: 04.02.2010.

Sie heulen, betteln, fluchen, sind verzweifelt, frustriert, traurig, schmeißen Stühle um, manche drohen mit Selbstmord, manche planen Rache. Menschen, denen gekündigt wird. Ryan Bingham reagiert eher milde. Er verliert allerdings auch nicht seinen Job, aber trotzdem wird sein Leben in seinen Grundfesten erschüttert. Er atmet schnell und schwer, sein Puls steigt, seine Augen werden feucht, er versucht angestrengt die Fassung zu wahren. Warum? Weil er „geerdet“ werden soll. Weil er das Reisen aufgeben und „nach Hause“ kommen soll. Aber was nutzt eine Heimat, wenn man nur 43 miserable Tage im Jahr dort ist und willentlich jede private Bindung gekappt hat?

In „Up In The Air“ mimt George Clooney eine Art Blaupause für den perfekten modernen Berufstätigen. Ryan Bingham ist flexibel, mobil, professionell. Und ein Virtuose in Sachen Packen. Er hat das Leben aus dem Koffer optimiert und zu seiner Lebensphilosophie stilisiert. Für seine Firma reist er durch die Vereinigten Staaten, um dort einzuspringen, wo den Bossen der Wirtschaftswelt die Cochones fehlen: Er übernimmt leidige Entlassungsgespräche. Außerdem bringt er sein Credo vom ungebundenen Dasein bei Tagungen unter die Leute. Bei all dem wirkt Ryan Bingham in sich ruhend, souverän, zufrieden in der Situation. In einer der vielen Hotel-Lounges trifft er einen „Ryan mit Vagina“. So spricht die toughe Business-Frau mit dem männermäßigen Vornamen Alex (Vera Farmiga) von sich selbst. Beide lernen sich beim Kreditkartenvergleich am Hotel-Tresen kennen und beginnen eine Affäre ohne Verpflichtungen. Versaute Screwball-Momente.

Dann soll aber Schluss mit dem Leben „Up In The Air“ sein. Seine Firma engagiert die junge Uni-Absolventin Natalie (Anna Kendrick). Und die will „sein“ Geschäft revolutionieren. Gekündigt werden soll ab sofort konstengünstig per Videokonferenz. Den rasenden Rausschmeißern droht so die Heimkehr in den beschaulichen Schoß der Firma. Ein Grauen für Ryan. Seine letzte Chance auf einen Trip: Unterricht für die Neue. Er soll ihr die Entlassungsbranche aus erster Hand näherbringen. Als sich Ryan scheinbar zum ersten Mal seit Jahren länger als zehn Minuten mit Mitmenschen beschäftigt, werden seine Überzeugungen von den beiden Frauen Natalie und Alex herausgefordert.

Jetzt noch etwas von Peter Gabriels „Solsbury Hill“ und fertig ist „die feel good-Komödie des Jahres“? Weit gefehlt. Viele witzige Momente in einem Film bedeuten nicht, dass hier flauschiges Haha-Kino über die Leinwand flimmert. Natalie, Alex und vor allem Ryan sind zutiefst tragische Figuren. Dennoch verlässt der geneigte Lichtspielhausbesetzer „Up In The Air“ nicht zerschmettert und desillusioniert. Mit etwas Zuckerwatte ausstaffiert inszeniert Jason Reitman seinen dritten Film als überraschend und überragend wirkungsvolle Tragikomödie.

Im Kern wird hier von Ryan, seinem Leben ohne Bodenhaftung und seiner Suche nach dem eigenen Platz in dieser Welt erzählt. Zahlreiche pointierte Verweise auf aktuelles Weltgeschehen machen daraus aber einen feinsinnigen Diskurs über moderne Kommunikationsarmut trotz überbordender Kommunikationsmöglichkeiten sowie die jetzige politische und ökonomische Lage. Direkten Bezug erhält der Film, wenn Jason Reitman authentische Interviews mit Entlassenen einarbeitet, für die er tatsächlich gefeuerte Menschen gewinnen konnte. Sie reagieren, wie sie bei ihrer Kündigung reagiert haben oder gerne hätten. Teils harter Tobak, führt man sich die Tragweite dieser Erfahrung vor Augen.

Reitman begann seine Adaption von Walter Kirns Roman vor „Thank You for Smoking“ und „Juno“ in einer Zeit, in der die globale Wirtschaft noch in Ordnung schien. Mit der Rezession schrieb er das Drehbuch um und reagierte auf die Weltwirtschaftskrise. Was ein Glück, meint dieser zynische Kritiker. „Up In The Air“ ist auf der Höhe der Zeit und von maximaler Relevanz. Stückchenweise werden traurige Geschehnisse und Schicksale aufgedeckt, ohne dabei auch nur eine Minute zu schwermütig zu werden. So können Zuschauer drei famose Darsteller, geschliffene Dialoge und humorvolle Momente genießen, außerdem aber ein treffendes Spiegelbild vieler essentieller Aspekte unserer Zeit.

© cdx.maxinho.2010

Trailer:

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