„Löwenkäfig“ („Leonera“)

Kuck mal, wer da sitzt

ARG/KOR/BRA 2008, Regie: Pablo Trapero; Buch: Alejandro Fadel, Martín Mauregui, Santiago Mitre, Pablo Trapero; Kamera: Guillermo Nieto; Produktion: Pablo Trapero, Youngjoo Suh, Walter Salles.

Darsteller: Martina Gusman (Julia), Elli Medeiros (Sofia), Rodrigo Santoro (Ramiro), Laura García (Marta), Tomás Plotinsky (Tomás VI).

Verleih: MFA. Laufzeit: 113 Minuten. Kinostart Dtl.: 04.06.2009.

Nur Kathy Karrenbauer fehlt. Sonst sind ordentlich Frauenknastklischees vorhanden. Ohne geht’s scheinbar nicht. Da geraten nackte Frauen unter der Dusche in einen Catfight, müssen sich Neuankömmlinge vor wenig sympathischen Wärterinnen peinlich berührt entblößen und sich profane Anfeindungen der Alteingesessenen gefallen lassen, geraten die heterosexuellen Prinzipien ins Wanken. Zum Glück findet Regisseur und Co-Autor Pablo Trapero aber eine eigene Herangehensweise an das Thema und landet mit seiner „Hinter Gittern: Der Mutter-Komplex“-Geschichte trotz genretypischer Plotelemente fernab von Exploitation-Knastfilmen.

Ein ulkiges Kinderlied zu Beginn. Dann Verwirrung. Julia (Martina Gusman) wacht auf, mit Blut befleckt, verwundet. Apathisch duscht sie sich und startet in einen nebulösen Arbeitstag, an dem alles wichtig ist, nur nicht der alltägliche Ablauf. Sie kehrt in ihre verwüstete Wohnung zurück und registriert erst jetzt das tödliche Chaos. Zwei Männer liegen auf dem Boden. Nackt, blutig, tot, halbtot. Der eine war ihr Partner Nahuel, der andere ist dessen Liebhaber Ramiro (Rodrigo Santoro). „Ich verstehe das nicht“, heult Julia der Polizistin am Telefon vor. Sie und Ramiro werden des Mordes an ihrem Freund angeklagt. Was ist wirklich geschehen? Wer ist der Täter? Wird die Wahrheit ans Licht kommen?

Da haut die famose Exposition dem Zuschauer Thrillerelemente par excellence um die Ohren, lässt ihn aber in der gleichen unklaren Lage wie Julia, denn wichtig sind sie nicht. Die Schuldfrage wird nicht beantwortet. Genauso bleibt die Protagonistin zunächst ein Rätsel. Julias Vergangenheit oder ihre genauen Lebensumstände vor der Inhaftierung spielen keine Rolle. Ist sie eine Mörderin? Es interessiert nicht. „Leonera“ ist eine Momentaufnahme einer werdenden Mutter. Julia wird in einen Zellenblock verlegt, der für Schwangere und Mütter reserviert ist. Hier bekommen bzw. behalten die Frauen ihre Sprösslinge bis diese vier Jahre alt sind. Ein Kinderhort im Knast. Inklusive aufblasbarem Mini-Planschbecken auf dem grauen Betonboden und kreischenden, weinenden, lachenden Dreikäsehochs. Julia ist verzweifelt, dabei stoisch. Ihren Babybauch traktiert sie mit Faustschlägen. Nein, Vorfreude sieht anders aus.

Martina Gusman spielt Julia mit beeindruckender Intensität, vergleichbar mit einer Angelina Jolie in „Girl, Interrupted“, bleibt dabei stets kontrolliert und entwickelt ihre mit Widersprüchen versehene und nicht ausschließlich sympathische Figur nuanciert. Während der Plot episodisch vorangetrieben wird, spannt sich der Spannungsbogen anhand der Entwicklung Julias vom weinerlichen, überforderten Girlie zur resoluten, um ihr Kind kämpfenden Frau. Es ist eine dieser Darstellungen, an die man sich als Zuschauer hernach oft erinnert; der Hauptfigur verpflichtet. Mutig, kompromisslos, mit vollem Einsatz, mal zurückgenommen, mal explodierend. Sie ist Dreh- und Angelpunkt des Films.

Regisseur Trapero erkennt dies und bleibt maximal nah an seiner „Heldin“, wahrt dabei emotional aber einen Respektabstand. Die Kamera ist bis auf eine kurze Ausnahme (die im Übrigen zwar durch den Plot motiviert ist, dennoch gut und gerne hätte gestrichen werden können) die gesamte Laufzeit über bei Julia. Er erzeugt einen dokumentarischen Stil, der durch Schauplatz und Besetzung verstärkt wird. Denn „Leonera“ wurde zum Teil in echten Gefängnissen und mit wirklichen Insassen gedreht. Trapero prangert, wie in seinen bisherigen Filmen auch, soziale Missstände an. Das Hauptaugenmerk liegt aber woanders. Er wollte keine Doku über argentinische Gefängnisse machen, erklärt er. Ihn interessieren viel mehr einfache Menschen, die sich mit Themen wie Mutterschaft, Familien, Einsamkeit, Freundschaft und Liebe auseinander setzen.

So weicht die anfängliche Unsicherheit und Unzuverlässigkeit einer dokumentarischen Authentizität. Die Grenze zum stereotypen Melodram bleibt allerdings fließend. „Leonera“ bedient sich wie eingangs erwähnt Konventionen, die der Schauplatz „Frauenknast“ serviert. Zwar gerät etwa ein Gefängnisaufstand nicht zur Actionshow, sondern bildet nur den erzählerischen Rahmen, die Klischees sind aber alle da. Und wenn sich Julia und ihre beste Freundin unter den Mithäftlingen dann doch näherkommen und zaghaft Zärtlichkeiten austauschen, zappelt das Kitsch-o-meter. Glücklicherweise halten sich diese Momente in Grenzen und „Leonera“ gerät vor allem dank der zurückgenommenen Inszenierung sowie der hervorragenden Hauptdarstellerin zu einem sehenswerten Mutterschaftsdrama, das außerdem einen Einblick in die für uns wundersamen Justizmethoden Argentiniens ermöglicht.

(c) cdx.maxinho.2009

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