„Wall·E – Der Letzte räumt die Erde auf“ (OT: „Wall·E“)

Hello, Wall·E!

USA 2008, Regie: Andrew Stanton; Buch: Andrew Stanton, Pete Docter, Jim Reardon; Produktion: Jim Morris, Lindsey Collins; Musik: Thomas Newman. Darsteller: Ben Burtt/Timmo Niesner/Bernhard Völger (Wall·E/M-O), Jeff Garlin/Markus Maria Profitlich (Kapitän), Elissa Knight/Luise Helm (Eve), Fred Willard/Hans-Jürgen Dittberner (Shelby Forthright), John Ratzenberger/Marco Kröger (John), Sigourney Weaver/Ulrike Stürzbecher (Bordcomputer), Kathy Najimy/Almut Zydra (Mary). Verleih: Walt Disney. Laufzeit: 98 Minuten. FSK: ohne Altersbeschränkung. Kinostart Dtl.: 25.09.2008.

Der Omega Man und Nummer 5 haben ein Kind gezeugt, könnte man meinen. Wall·E heißt der blecherne E.T. mit Raupenketten. Der Titel gebende Held der neuen Animationsperle der Unfehlbaren. Bewegte und bewegende Bilder nahe der Perfektion – wundert das? Pixar greift einfach nicht daneben. Seit „Toy Story“ hält der Lauf des Filmstudios an. Nie Stillstand, immer etwas neues, dabei erfolgreich – und „Wall·E – Der Letzte räumt die Erde auf“ ist keine Ausnahme. Als gleichsam stimmungsvolle Zukunftsvision, wortkarge Romantik-Komödie, haltloser Slapstick und überspitzte Gesellschaftskritik wird sich der Film schwer tun, die Kinozuschauer gänzlich zu langweilen.

Obwohl Wall·E ein unwahrscheinlicher Held ist. Quasi stumm, rostig, tolpatschig, dabei so sympathisch. Das merkt aber nur eine Kakerlake. Sonst ist keiner da. Vor 700 Jahren wurden er und der Planet von der Menschheit verlassen. Zugemüllt und unbewohnbar. Der Aufräumroboter hat die Erde für sich allein und so hortet er Müll, portioniert ihn fachgerecht in quadratischen Blöcken und stapelt diese so hoch, dass ganz neue Skylines entstehen. Nebenbei entdeckt der „Waste Allocation Load Lifter – Earth-Class“ kleine Schätze. Wall·E hat ein Auge und ein Herz für Besonderes. Autoschlüssel ohne Auto, Büstenhalter, Eheringschachteln und andere Kuriositäten sammelt er in seiner Behausung. Sein liebstes Fundstück ist eine alte Filmkassette. Der sensible Hüter der Welt schaut allabendlich „Hello, Dolly!“. Das prägt. Jahrhunderte lange Einsamkeit und exzessiver Musicalkonsum prägen. Wall·E ist etwas komisch geraten, sensibel und sehnt sich nach Gesellschaft. Die bekommt er in Form von EVE, ihres Zeichens Extraterrestial Vegetation Evaluator und der elegante, weiße High-End-Flugroboter, auf den Wall·Es sepiafarbene postapokalyptische Welt gewartet hat…

Bis hierhin ist der Film nicht von Plot getrieben, sondern eine Charakterstudie. Untypisch für Pixar, deren große Stärke Dynamik und ruheloses Erzählen sind. Schon der Vorfilm „Presto“ um einen Magier, seinen hungrigen Hasen und ihr Gerangel auf der Bühne beweist dies eindrucksvoll. In fünf Minuten finden sich hierin mehr Ideen als der gemeine Hollywoodfilm in zwei Stunden vorweisen kann und diese werden ohne Halt präsentiert und temporeich verknüpft. Zu Beginn von „Wall·E“ lässt Regisseur Andrew Stanton („Findet Nemo“) den Zuschauer aber mit dem Roboter und seinem Alltag allein. Eine ambitionierte Herangehensweise, denn so ein Blechkasten ist zunächst einmal kein emotionales, beseeltes Wesen par excellence. So ziehen Stanton und sein Team in den Anfangsminuten alle Register, um Wall·E menschlich erscheinen zu lassen. Es gelingt und gipfelt in einer Liebesgeschichte, die die Anistons, Geres, Ryans oder Cusacks dieser Welt nicht überzeugender darstellen könnten. Wall·E, sofort Sympathieträger, umwirbt EVE und geht dabei so tollpatschig, herzlich, peinlich wie jeder Mann vor. Wall·E knüpft ein Band mit dem Zuschauer und fortan möchte man, dass er sie erobert. Und das ist mehr Involvierung als gemeinhin zu erwarten ist.

Wichtiger Aspekt bei der Vermenschlichung der Maschinen ist neben den Bewegungen und den „Augen“ das Sounddesign von Geräuschegroßmeister Ben Burtt. Dem Mann hinter dem Lichtschwertbrummen aus „Star Wars“ und den Klangwelten von E.T. oder Indiana Jones gelang anhand von rudimentärsten Sounds eine vielseitige Kommunikationsplattform und so tauschen sich Wall·E, EVE und die Roboter des Films oft nur mit der „Aussprache“ ihrer Namen aus. Man darf sich fragen, ob der Kuleschow-Effekt auch auf Geräuschebene existiert. Es funktioniert auf jeden Fall und bis auf die ein oder andere Kakophonie (ein Roboter lacht verlegen?) strotzen die minimalen wundervollen Sounds nur so vor emotionaler Wärme. Und spätestens, wenn sich „Wall·E“ per Feuerlöscher durch die Schwerelosigkeit des Alls hin zu seiner angebeteten Blechbüchse stößt, sind wir beim romantischen Sound-Musical angelangt.

Stilistisch durchforstet Pixar einmal mehr verschiedenste Vorbilder. In „Wall·E“ werden Elemente aus Science Fiction, romantischen Komödien und Abenteuerfilmen gemixt, man erahnt „2001“, „Blade Runner“ oder „I am Legend“, entdeckt Querverweise zu „Star Trek“, „Star Wars“ und natürlich zu anderen Pixar-Produktionen. Dem stimmungsvollen dystopischen Gemälde des Beginns mit zahlreichen Panoramaeinstellungen folgt ein rasant montiertes Weltraumspektakel mit nicht minder beeindruckenden Bildern. Denn egal, ob hastig fortschreitend oder verharrend: Während andere Animationsprojekte der jüngeren Zeit kaum mehr optischen Fortschritt schaffen, legt Pixar die Latte immer noch ein Stück höher. Mit einer Ausnahme.

Pixar, die auch in ihren fantastischsten Filmen Statements über uns Menschen und unsere Gesellschaft abgeben, drücken sich nach wie vor um Fotorealismus in Bezug auf die Darstellung von Menschen. Wie schon in „Die Unglaublichen“ („The Incredibles“) oder „Ratatouille“ ist die Animation von unsereins nicht überzeugend im Sinne eines Naturalismus. Pixar umgeht das Problem des animierten Selbstportraits erneut und kreiert karikaturistische Comic-Menschen. Stilisierte Realität. Wenig hilfreich ist dabei der Umstand, dass in kurzen Sequenzen reale Darsteller zu sehen sind und den Bruch ins Comichafte betonen. So bleiben Fische, Monster und nun Roboter letztlich „realer“ als Menschen. Auf die Idee, dass hier vermenschlichte Bugs Bunnys und Daffy Ducks interagieren, kommt man dank des einmal mehr nuancierten, authentischen Ausdrucks dennoch nicht. Die Menschen sehen wie 3D-Cartoons aus, sprechen und handeln aber wie die Zuschauer im Kinosaal.

Hier kommt übrigens der Aspekt der Satire ins Spiel. Ohne zu viel verraten zu wollen kann man sagen, dass Pixar mit uns Menschen nicht sanft ins Gericht geht, aber Hoffnung sät. Bitterböse wird eine epische Satire auf unsere Konsumgesellschaft gezeichnet, die zwar trotz Vordergründigkeit funktioniert, aber leider von dem eigentlichen Highlight des Films ablenkt – der unwirklichen Romanze von Wall·E und EVE.

Das Pixar-Oeuvre wird allmählich zum Manifest der Besonderheit. Nicht reines Außenseitertum wie gern bei Burton, sondern lustvolle, dynamische Qualität abseits des überaus realen Einheitsbreis. Die Macher möchten Erfinder, möchten Freiheit liebende Entdecker, möchte Genießer, Gourmets, möchten Menschen (und Roboter) mit Fähigkeiten, mit Zielen und mit Ambitionen. Eine seltsame Reflexion ihrer eigenen Entwicklung. Das Besondere im Allgegenwärtigen. Und so ist „Wall·E“ Pixar-typisch gleichsam konservativ und avantgardistisch. Kein experimenteller Aufschrei, sondern ein Film innerhalb der Kinolandschaft, der sich über diese erhebt. Daher massentauglich und doch keine Massenware. Etwas Besonderes für alle.

(c) cdx.maxinho.2008

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