„The Dark Knight“

the good, the sad and the funny

USA 2008, Regie: Christopher Nolan; Buch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan, David S. Goyer; Kamera: Wally Pfister; Musik: Hans Zimmer, James Newton Howard; Darsteller: Christian Bale (Bruce Wayne), Michael Caine (Alfred Pennyworth), Heath Ledger (The Joker), Gary Oldman (James Gordon), Aaron Eckhart (Harvey Dent), Maggie Gyllenhaal (Rachel Dawes), Morgan Freeman (Lucius Fox). Verleih: Warner Bros. Pictures; Laufzeit: 152 Minuten; Kinostart Dtl.: 21.08.2008.

„The Dark Knight“ ist ein wunderbar unterhaltender Blockbuster, der mit perfektionierten Actionsequenzen, einer nicht platten, sondern vielseitigen Dramaturgie und einer famosen Darstellerriege um dem erstaunlich detailverliebten und fesselnden Heath Ledger anderen Anwärtern auf die Kinokassenkrone alle Chancen klaut. Damit ist alles festgehalten, was viele vornehmlich und wiederholt lesen möchten. Die Ein-Satz-Kritik lässt sich aber noch auf die Spitze treiben, ins Format Subjekt-Verb-Objekt kürzen, ohne Treffsicherheit einzubüßen: „The Dark Knight“ ist ein Blockbuster. Und wenn man jetzt den Hype betrachtet, darf man aus seinem Satzbaukasten gerne noch das Wörtchen „nur“ hervorholen.

„The Dark Knight“ setzt fast nahtlos an „Batman Begins“ an. Batman (Christian Bale) wurde zur mythischen Versinnbildlichung von Gotham Citys Weg zurück zu Gerechtigkeit und Frieden. Er ist das große Vorbild einer Stadt, die sich nun aktiv von ihrem Stigma unauschlöschbarer Korruption und Kriminalität befreien will. Nachahmungstäter, die brutale Freizeitfledermäuse mimen, sind zunächst die einzige Nebenwirkung. Tatsächlich versetzt Batman die Unterwelt in eine lähmende Ehrfurcht, die Mafiaboss Sal Maroni (Eric Roberts) & Co nur noch bei Tageslicht agieren lässt. Auch tagsüber wird jedoch neuerdings für Gerechtigkeit gekämpft. James Gordon (Gary Oldman) rennt unbeirrt gegen die Korruption in den eigenen Reihen an und Harvey Dent (Aaron Eckhart), der jüngst zum Bezirksstaatsanwalt gewählt wurde, tritt voller Ideale und Entschlossenheit auf. Dieses scheinbare Perpetuum mobile des Gesetzes wird aber so plötzlich und drastisch gestoppt, wie es begann – mit dem Chaos-Kreuzzug eines sadistischen, masochistischen, verrückt wirkenden, grell lachenden, geschminkten Mannes (Heath Ledger), der nicht anhand herkömmlicher Schemata zu fassen ist, sondern nur eins will, wie Alfred (Michael Caine) treffend beschreibt: die Welt brennen sehen…

„Why so serious?“ fragen der Joker und die Teaser-Plakate zu „The Dark Knight“. Na ganz klar, antworte ich, weil sie doch alle ernst genommen werden möchten. Superman, Spider-Man, Grüne Laterne, der Rote Blitz, womöglich sogar Meteor Man. Am schwierigsten hatte es aber irgendwie immer der Superheld, der in dieser illustren Selbsthilfegruppe der ernsteste von allen sein dürfte: Batman. Niemand hat wohl so viele Verwandlungen in seiner medialen Verwertung erfahren wie der Caped Crusader und wurde dabei auch so wirksam verkannt.

Lewis Wilson gibt in Movie Serials der 40er Jahre den ersten Kinobatman. Geradlinige Krimis, wenig düster, erzählerisches Klippenbaumeln. In den 60er Jahren folgt, was eine neuerliche Lichtspielhausvariante für zwei Jahrzehnte unmöglich machen sollte: Adam West und Burt Ward kalauern, prügeln und tanzen sich im TV-Format durch ein knallbuntes Gotham City voller noch farbenfroherer Finsterwichte – heilige Verhohnepiepelung, Batman! Dann kommt Burton. Und mit ihm Nicholson. Und hui, was freuen sich die Leute. Der definitive Batman, gotisch, düster, und mit Joker ein Schurke für die Ewigkei. Burton geht, mit ihm der gedachte Ernst, denn Schumacher tritt auf. Der versucht‘s gar nicht erst mit Ernsthaftigkeit und setzt das Franchise-Batmobil gegen die Wand. Acht Jahre Nippelschleifen später dann der Phönix aus der Asche. Kritikerliebling Christopher Nolan wagt sich in die Bathöhle und serviert uns mit „Batman Begins“ eine Origin-Story, die Fans, Kritiker und 08/15-Kinozuschauer gleichsam verzückte.

Nolan verankert die Geschichten des Fantasiehelden in einer unserer Welt gleichenden Realität. „Batman ist der Superheld, der am deutlichsten ernst genommen werden kann“, sagt er. Realistische Technik, realistisches Design, realistische Fundamente für so äußerst unwirkliche Gestalten wie Batman, Scarecrow oder jetzt eben auch den Joker. Seit jeher vom Hollywood’schen Dramaturgieeinerlei entfernt wollte Nolan keinen 08/15-Lärm für die Sommersaison kreieren. Und doch: Dem existentiellen Psychoduell von Batman und Joker, dem romantisch-idealistischen Dreiecksgeflecht um Bruce Wayne, Harvey Dent und Rachel Dawes, der brutalen Selbstfindung einer Stadt und ihrer Bürger, all dem liegt ein Actionfilm zugrunde. Entsprechende Zugeständnisse ans Blockbusterkino macht der Regisseur. Da muss der Zuschauer trotz des beinharten Realismus ordentlich nach der Methode „Suspension of Disbelief“ vorgehen; wenn etwa Batman Kleinbusse per Dachhupfer stoppt, er und sogar die alles andere als caped oder crusading Rachel einen Sturz vom Hochhausdach flirtend und lächelnd überstehen oder der Joker die komplexe Planungssicherheit eines John Doe aus „Se7en“ übertrifft. Auch Batman und vor allem sein persönlicher, moralisch integerer James-Bond-Techniker Lucius „Q“ Fox (Morgan Freeman) entwickeln und nutzen Techniken, die hart an der Grenze, teils abseits, von realistischer Praxis existieren. Apropos Bond: Als wollte man sich noch die Fans eines anderen Franchises ins Boot holen, macht Gothams Ritter einen deplatziert wirkenden Abstecher nach Hong Kong.

Wie die Action präsentiert wird, ist aber nahezu perfekt. Eine ganze Reihe von Parallelmontagen, mehrfach über Dualität hinaus konzipiert, ein treibender, brodelnder Soundtrack von Zimmer und Newton Howard, eine stetige Unheilsstimmung kulminieren in packenden, mitreißenden Sequenzen voller brutaler Energie. Eine Produktion, die ihrem exorbitanten Budget gerecht wird, und keinen Makel in Optik, Sound und dergleichen feststellen lässt. Die effektvolle Krönung bildet eine unglaubliche, riesige Explosion, die nach Tausenden aberwitzig langweiligen Filmexplosionen endlich die Wucht und Faszination eines solchen Knallspektakels erzeugt. Die technische Brillanz setzt sich im Übrigen im Charakterdesign fort (vom Kajal-Bürgermeister mal abgesehen). Die CGI-Visage von Harvey Dent ist ebenso erschreckend und gelungen wie das Make-up von Joker. Diese beiden Gestalten sind dann auch die zentralen Figuren in dem Ensemble. Nicht weil andere Darsteller ihr Ziel verfehlen (Caine ist eine Freude, Bale macht Batman erst möglich), sondern weil Joker und Harvey Dent grandios geschrieben und gespielt sind.

Etwas unfair, aber nicht unbegründet wurde schon von Heath Ledgers „The Dark Knight“ berichtet. Tatsächlich zieht der scheinbar akribisch vorbereitete Ledger den Zuschauer unmittelbar in seinen Bann. Jede Szene mit ihm schürt die Faszination und jede weitere Szene wird dem gerecht. Er lacht grell, ja. Aber viel wirksamer sind die Details. Er beschmeißt sein Opfer völlig beiläufig und am Rande des Bildausschnitts mit Geld. Er überbetont einzelne Silben. Er ist das nihilistische Epizentrum des Films. Eine be- und geliebte Negativ-Ikone. Eine Versinnbildlichung unergründeter Bosheit, die auf kollektive Unfassbarkeit stößt. In der Tat eine wahre Freude. Einen Schönheitsfehler hat das Ganze dann aber doch. Der Joker gerät so faszinierend, so unterhaltsam, dass es zeitweise um die Furcht einflößende Prämisse der Figur geschehen ist.

Harvey Dent ist der Charakter mit der krassesten Entwicklung, die zwar nicht vollends ausgetüftelt, aber von Aaron Eckhart bemerkenswert umgesetzt wurde. Selbst gen Ende, unter reichlich Computereffekten versteckt, schlägt er nicht über die Stränge, sondern agiert nuanciert. Dank ihm kann die rasche Wandlung Dents doch funktionieren. Und obendrein schnippt er einen Münzwurf, der selbst Anton Chigurh neidisch machen könnte.

Die Beliebtheit von „The Dark Knight“ und dessen in jüngerer Zeit beispielloser Erfolg an der Kinokasse kommen also nicht von ungefähr. Sein Ruf als hervorragender Superhero-Film ist keine leere Luftblase. Aber ein Hype wie hier kann nur übertrieben und schädlich sein. Dem Mysterium um Ledgers tragischen Tod kann kein Film der Welt gerecht werden. Ob „The Dark Knight“ die Vollendung und damit das Ende des Superheldengenres ist, darf ebenfalls bezweifelt werden. Aber langt es nicht, dass „The Dark Knight“ einer der besten Sommerblockbuster und ein must-see des Kinojahres geworden ist? Also, „why so serious“?

P.S.:
Ein paar warme Worte noch zu zwei Randthemen: Die deutsche Synchronisation ist entgegen den Befürchtungen vieler nicht Wort gewordener Darmdurchbruch, sondern in Ordnung. Keine Figur wird durch die deutschen Sprecher ungenießbar gemacht. Wer die Möglichkeit hat, die Originalversion zu schauen, darf diese aber bitte selbstverständlich vorziehen.
Egal, ob deutsch oder englisch: Kinder haben keinen Zutritt. Noch hat die hiesige Fassung keine FSK-Einstufung. Aber als ein Paar ihren schätzungsweise 6-jährigen Bub mit ins Kino nahm, stellten sich bei mir die Nackenhaare auf. „The Dark Knight“ ist kein Familienfilm.

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