„39,90“ (OT: „99 francs“)

Kaufst du noch oder stirbst du schon?

F 2007, Regie: Jan Kounen, Buch: Jan Kounen, Nicolas & Bruno, Vorlage: Frédéric Beigbeder, Kamera: David Ungaro, Musik: Jean-Jacques Hertz, Erin O’Hara, François Roy;
Darsteller: Jean Dujardin (Octave Parango), Jocelyn Quivrin (Charles „Charlie“ Dagout), Patrick Mille (Jean-François „Jeff“ Marolles), Vahina Giocante (Sophie), Elisa Tovati (Tamara), Nicolas Marié (Alfred Duler), Dominique Bettenfeld (Jean-Christian Gagnant), Antoine Basler (Marc Maronnier), Fosco Perinti (Giovanni Di Toro), Cendrine Orcier (Fabienne);
Verleih: Alamode, Pathé International; Laufzeit: 100 Minuten; Kinostart Dtl.: 31.07.2008.

Sind Werbefachmänner die neuen Rockstars? Oder die neuen Drogenbarone? „39,90“ schlägt so ein bisschen beides vor, um schlussendlich dick auf die Moralhupe zu drücken. Das ist nur konsequent, könnte man als Zyniker anmerken. Denn schon die Vorlage konnte sich von moralischer Ambivalenz nicht frei machen und erntete sowohl Beifall als auch Kritik. Das gleichnamige Buch des Franzosen Frédéric Beigbeder gilt als Bestseller und gnadenlose Abrechnung mit der Werbebranche. Als ehemaliger Werbetexter schrieb er ein modernes Manifest der Konsumkritik, das nun den Weg auf die Kinoleinwand findet.

Und das in äußerst stilisierter Videoclipästhetik. Speziallinsen sorgen für kuriose Sichten, die Kamera bewegt sich mal schnell hierhin, folgt mal gemächlich dorthin, teils wetzt die Montage davon und macht MTV neidisch, zur Krönung wird in den Zeichentrickmodus geschaltet. 100 Minuten Werbespot. Nicht nur die Bilder sind effektgeladen. Auf die Ohren gibt es treibende Popmusik, fürs Hirn eine Narration voller Flashbacks, Fallen und doppelter Böden. Los geht’s auch gleich mit einem Knalleffekt. Octave, die singende, tanzende Krönung einer verkommenen Berufsgruppe voller Abschaum, fällt an einer Häuserwand entlang gen Aufprall. Er befindet sich auf dem luftigen Weg aus dem obersten Stockwerk nach ganz unten. Vor der tödlichen Pointe der abrupte Halt. Rückblende.

Octave wacht auf, wankt an nackten, wahlweise von Party, Tanz, Alkohol, Drogen, Kopulation oder einer Mischung aus allem erschöpften Menschenbergen vorbei, durch eine pervertierte Wohnung ins Bad. Dort lässt er sich nochmal sein Essen vom Vorabend durch den Kopf gehen und kotzt in die Badewanne und auf die nächste Nackte. Naja, er darf das. Er ist der Star einer Werbeagentur. Er ist derjenige, der den Konsumenten sagt, was sie kaufen wollen. Er sagt auch der hübschen Praktikantin Sophie, mit wem sie Sex hat. Natürlich mit ihm. Und er ist ein Arschloch; das sagt er von sich selbst. Aber nicht vollends erfolgreich. Dass er die weiße Büroratte mit Koks füttert und umbringt, ist dabei noch das kleinste Übel. Der spießige Chef der Joghurtfirma Danone… ähem, Verzeihung: Madone… Also, der Chef von Madone, aktueller Kunde der Agentur, ist nicht nur Rassist, der Models gern einmal als zu dunkel ausmustert, sondern auch alles andere als angetan von Octaves cleverer, lustiger Spotidee. Sophie wird schwanger, er mimt den Soziopath und sie ist weg. Und er selbst verliert sich zunehmend in Koks und Kummer.

Aber kümmert einen die Figur wirklich? Denn die ist wirklich ein Arschloch. Octave denkt, sagt und tut wenig bis nichts, was ihn sympathisch macht. Zu spät ein Akt der gutartigen Guerilla. Tyler Durden ist stolz, der Zuschauer belustigt, aber nicht versöhnt. Gibt’s hier ein Happy End? Oder ein tragisches Ende? Völlig egal. Was auch daran liegt, dass hier sattsam die Klischees der Branche verhandelt werden. Hier geht es um Werbung und Medien. Hier werden die Nase tief in Koks getaucht und das eigene Ego gestreichelt. Ein Sündenpfuhl voller Drogen, Sex, Arroganz, schicken Autos, schickeren Klamotten, hippen jungen Menschen. Knappe, plakative Aussage, verpackt in Effekten. Der Werbung nicht ganz unähnlich. Mit den Mitteln der Werbeclipindustrie soll hier Kritik an eben dieser vermittelt werden? Oder ist es doch ein Spot für das tolle Leben der tollkühnen Werber? Nein, das nun nicht. Man dürfte aber spekulieren, stünde am Ende nicht in bester BILD-Manier die Moral von der Geschicht‘ für alle lesbar auf der Leinwand: Statt den Welthunger zu stoppen, werden Millionen über Millionen in den stinkenden Rachen der Werbebranche gstopft. Das ist nicht nur platt, sondern schlicht zu wenig.

Die Besetzung des Regiestuhls hätte dabei kaum passender ausfallen können, möchte man meinen. Mit Jan Kounen wurde der Beigbeder des Films ins Boot geholt. Wie der Autor ist auch der Regisseur ein Abtrünniger (oder Flüchtling?) der Werbung. Tiefgründiger und einsichtiger gerät „39,90“ dadurch aber nur bedingt. Frédéric Beigbeder schrieb seinen Roman, um gefeuert zu werden, wurde gefeuert und gefeiert. Selbstinszenierung warf man ihm vor. Der „Che Guevara vom Café de Flore“ berichte nicht, philosophiere nicht, kläre nicht auf. Er rechne ab und kalkuliere die Provokation, damit auch den Erfolg. Dann kommt Kounen. Er nimmt die persönliche Rache Beigbeders an der PR-Branche leidenschaftlich als eigene Abrechnung und verschachtelt so die Selbstinszenierungen ineinander. Kann dies ein Lehrstück sein? Ist hierin eine ernste Moral zu vermuten? Oder vielleicht ist auch das ein Teil der Satire, vielleicht sollte der blanken Abrechnung doch noch etwas Aufklärung mitgegeben werden. „39,90″ kann sich letztlich nicht entscheiden, ob er clevere Einsicht oder derbe, extreme Stilisierung sein will. Als Gesamtwerk kann der Film somit nicht funktionieren. Nicht in seiner Aussage, nicht in seiner Wirkung.

Der Film mag als Episodensammlung funktionieren. Als Aneinanderreihung von Clips. Nur teilweise ist „39,90“ witty, funny, satiric, bizarre, political, frightening, sardonic. Wenn etwa Octave und sein Partner angeödet einen stumpfsinnigen 08/15-Werbespot innerhalb weniger Momente konzipieren und ihr Kollege euphorisch völlig aus dem Häuschen gerät. Wenn Octave im neuerlichen Drogenrausch versucht, einer aalglatten, schlecht synchronisierten Werbefamilie zu erklären, dass sie sich nur in einem Clip befinden. Das Lachpotential von Kotze, Kot und (wenn auch gezeichneten) Babys als blutenden Unfallopfern muss mir aber nochmal jemand näher bringen. Die Botschaft des Ganzen nicht. Danke.

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