„Jugend ohne Jugend“ (OT: „Youth Without Youth“)
(Spoiler: leicht)

USA 2007, Regie: Francis Ford Coppola, Buch: Francis Fort Coppola, Vorlage: Mircea Eliade, Kamera: Mihai Malaimare Jr., Musik: Osvaldo Golijov. Darsteller: Tim Roth (Dominic Matei), Alexandra Maria Lara (Veronica/Laura/Rupini), Bruno Ganz (Professor Stanciulescu), André Hennicke (Josef Rudolf), Marcel Jures (Professor Guiseppe Tucci), Adrian Pintea (Pandit), Alexandra Pirici (Frau aus Zimmer 6). Verleih: Sony Pictures, Laufzeit: 124 Minuten, Kinostart Dtl.: 10.07.2008, FSK: ab 12.

Ein Filmbesessener hat einen Traum. Von einem Film über Zeit, Bewusstsein, Leben, Liebe, Trauer, Religion, über die großen Themen dieser Welt. Er schnappt sich das Geld, das sein Familienweingut eingebracht hat. Er fliegt nach Rumänien und dreht dort drauf los. Er dreht seinen Film…

Das ist kein Abriss über einen jungen Nachwuchsregisseur. Gemeint ist ein gestandener Hollywood-Regisseur, fünffach oscarprämiert, AFI-Top-10-director of all time, 69 Jahre alt. Francis Ford Coppola kehrt zehn Jahre nach seiner letzten offiziellen Regiearbeit „Der Regenmacher“ ins Kino zurück. Und vor den Bildern, der Story, den Figuren, der Musik, der Botschaft und allem anderen ist „Jugend ohne Jugend“ unweigerlich sein Comeback. Die Rückkehr des Machers von so hochkarätigen Titeln wie der „Pate“-Trilogie, „Apocalypse Now“ und „Der Dialog“. Eine Rückkehr in mehrfacher Hinsicht. Leider nicht zu unantastbarer Stärke. Aber zurück in den Regiestuhl. Zurück zum selbst finanzierten Independent-Kino. Zurück in eine Jugend, die zu kurz ausfiel. „Der Pate“ habe sein Leben verändert, sagt Coppola. Der vielfach als „bester Film aller Zeiten“ gepriesener Streifen habe ihm mit 29 die Karriere eines alten Mannes verschafft. Also könne er jetzt als alter Mann die Karriere eines jungen Filmemachers haben.

Dazu schnappte sich Coppola eine Novelle von Mircea Eliade, seines Zeichens rumänischer Religionswissenschaftler, Philosoph und Begründer des modernen Schamanismus. Was wirr und kurios anmutet, verwurstete er zu einem „persönlichen Film“, wie es die Tauben vom Dach frohlocken. Jetzt ist Coppolas Werk trotz mehrerer Auftragsarbeiten nie gänzlich unpersönlich gewesen; von der italo-amerikanischen Einwandererfamilie bis zur eigenen Regenmacher-Jugend. Aber bei „Jugend ohne Jugend“ finden sich deutliche autobiographische Züge. So ist Dominic Matei (Tim Roth), Hauptakteur des Films, nicht nur im selben Alter wie Coppola, sondern wird ebenfalls in die Jugend zurückversetzt.

1938. Der 70-jährige Linguist Dominic steht am Ende seines Lebens, in dem er seine große Liebe Laura (Alexandra Maria Lara) wegen seiner Suche nach dem Ursprung der Sprache verloren hat, diese dennoch nicht vollenden konnte. Suizid soll sein Ausweg sein. Doch himmlische Intervention kommt ihm zuvor: Ein Blitz trifft ihn. Statt aber tot zu sein, trägt Dominic nicht einmal bleibende Schäden davon. „Ein Glückspilz“, wie sein Arzt (Bruno Ganz) feststellt. „Das wertvollste menschliche Wesen“ wird er später sagen. Denn Dominic hat sich verändert. Ihm wachsen neue Zähne, sein Haar erblondet wieder, sein Körper ist plötzlich halb so alt – der Blitz war scheinbar eine Verjüngungskur. Mehr noch. Bücher liest er nun nicht mehr, er saugt ihr Wissen innerhalb weniger Sekunden einfach so in sich auf. Ehemals zu komplizierte Sprachen erlernt er leicht, rasch referiert er Chinesisch, altindisches Sanskrit und eine selbst entwickelte Sprache. Sein Fall geht durch die Presse – und weckt das Interesse der Nazis. Dominic muss flüchten und trifft dabei auf Veronica, die seiner großen Liebe Laura aus dem Gesicht geschnitten ist.

Keine Angst, das ist noch nicht die ganze Packung „kunstvoller“ Kuriositäten. Die Geschichte driftet weiter in esoterische Gefilde ab. Aber bereits hier liegen reichlich Genreingredienzen hinter dem geforderten Zuschauer. Was als Tragödie beginnt, nimmt Fahrt als Mystery-Thriller auf, beherbergt Elemente aus Fantasy und Science Fiction, bietet sogar B-Movie-Nazi-Spioninnen mit Hakenkreuz-Muster im Strumpfhalter, die jedem Indy-Fan Freude bereiten würden. Von Film noir lässt Coppola seine Finger auch nicht und bietet einen Showdown in bester „Der Dritte Mann“-Manier. Eine krude Mischung, eingefangen mit extrem ruhiger, fast unbeweglicher Kamera und in wahlweise orange oder blau getönten Bildern. Mit verkanteten oder gar auf den Kopf gestellten Perspektiven betont er Träume oder Mysterien.

Ähnlich ruhig wird auch das schwer verdauliche Stück wirren Plots vorangetrieben. Vornehmlich durch Worte. „Jugend ohne Jugend“ liefert eine Tonspur ab, die jedem Hörbuch Konkurrenz macht (und nebenbei im Gegensatz dazu Sätze in Babylonisch, Ursprache und ähnlich selten Gehörtes umfasst). Die Darsteller haben also viel zu reden, was Fans von Tim Roth freuen dürfte. In seinem anderen Kinostart der Woche „Der unglaubliche Hulk“ ist seine Aufgabe ja eher Make-Up durch die Gegend zu tragen. Hier darf er sich als nuancenreicher Mime zeigen. Zur Seite steht ihm Alexandra Maria Lara, die drei Rollen verkörpert, darin nicht immer einheitlich wirkt. Aber ich halte es da mit den Worten Ralf Richters, der mir einst im Überschwang sagte: „Die ist Leinwandgold, Leinwandgold“.

Im Kern ist „Jugend ohne Jugend“ ein Liebesepos. Die Kernfrage ist die Entscheidung zwischen Lebenswerk und Liebe. Gleichzeitig behält Coppola aber die philosophischen Züge der Vorlage bei und präsentiert eine Abhandlung über außerkörperliche Erfahrungen des Schamanismus, Linguistik, klassische Ontologie, Reinkarnation, Altern, Zeit, Mensch-sein. Eine ambitionierte Mixtur, wegen der viele „Jugend ohne Jugend“ mit Darren Aronofskys „The Fountain“ vergleichen wollen. Wenn, dann stelle ich fest, dass der Mindfuck-Faktor bei „The Fountain“ höher ist, das Verständnis bzw. das gedachte Verständnis aber größer.

„Jugend ohne Jugend“ ist nicht einfach oder nebenher zu fassen. Wer alles gerne auf dem Silbertablett serviert bekommt, ist hier fehl am Platz. Mehrmaliges Gucken mag nötig sein. Ob es aber hilft? Ich bin skeptisch. Der Film springt in den Zeiten und Realitäten hin und her und bietet äußerst wenig Spuren, die zur inneren Logik führen könnten. Dazu treten widersprechende Spuren auf; wenn etwa die klar als gespaltene Persönlichkeit eingeführte Spiegelbilderscheinung Dominics ein Eigenleben entwickelt und von anderen gesehen wird und man nicht mehr weiß, ob es sich um Schizophrenie, Engelserscheinung oder dämonische Besessenheit handelt. In seiner fragmentarischen Betrachtung zahlreicher Theorien und Philosophien vergisst Coppola den Zuschauer stellenweise. Die Faszination vom Ursprung der Sprache und vom menschlichen Bewusstsein, die den Protagonisten so rastlos antreibt, wird nie dem Zuschauer näher gebracht, nie auf ihn übertragen. Der Film verpasst einen stärkeren emotionalen Effekt, der Logiklöcher oder -fragen hätte nebensächlich machen können.

Eventuell vergisst der Altmeister den Zuschauer aber auch ganz willentlich. Vielleicht ist „Jugend ohne Jugend“ nicht nur persönlich, sondern auch ganz und gar für ihn selbst gedreht. So oder so ist ein solches Experiment im Rentenalter lobenswert. Wer traut sich diesen Schritt und lotet mit fast 70 Jahren neue Areale seines künstlerischen Schaffens aus? Leider fehlt Coppola die Konsequenz in seiner Experimentierfreudigkeit. Als wage er zwar einen Neuanfang, spanne dabei aber ein Sicherheitsnetz aus Bewährtem. Als fehle die unbekümmerte Radikalität, die einen jungen Regieaspiranten auszeichnen würde. Als praktiziere er Jugend ohne Jugend.

Mancher Lichtspielhausbesetzer erfreut sich womöglich dennoch lieber an einem interessant misslungenem Film als an langweiligem Standardgedöns. Für Roger Ebert ist das Tolle an „Jugend ohne Jugend“ die Hoffnung, dass Coppola wieder auf den Geschmack gekommen sei und weitere Filme drehen werde. Nun, der nächste Rentenspaß ist in Planung, heißt „Tetro“ und soll sich um eine italienische Immigrantenfamilie von Künstlern drehen. Das hat „Jugend ohne Jugend“ also schon geschafft. Hoffen wir das Beste…

(c) cdx.maxinho.2008

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