„You Kill Me“
(Spoiler: leicht)

USA 2007. Regie: John Dahl, Buch: Christopher Markus & Stephen McFeely, Kamera: Jeff Jur, Musik: Marcelo Zarvos. Darsteller: Ben Kingsley (Frank Falenczyk), Téa Leoni (Laurel Pearson), Luke Wilson (Tom), Dennis Farina (Edward O‘Leary), Philip Baker Hall (Roman Krzeminski), Bill Pullman (Dave). Verleih: Koch Media; Laufzeit: 93 Minuten; Kinostart Dtl.: 12.06.2008; FSK: ab 16.

Da schenkt uns Hollywoods Indie-Ecke mal wieder einen schönen Genre-Cocktail ein. Ein Tropfen Thriller, ein Schuss noir, ein Whiskeyglas Romantik, ein Teelöffel Gangsterfilm, ein Spritzer Sozialdrama, dazu eine Prise Komödie – das alles gut schütteln, nicht rühren, mixen und den fertigen Drink taufen wir „You Kill Me“. Süffig, locker im Abgang, im Nachgeschmack etwas fad. Ein Film, dessen kuriose Mixtur unterhält, nicht aber die Seele zerrüttet und aufgeklärt zurücklässt.

Ben Kingsley zielt hier als polnisch-amerikanischer Mafia-Killer Frank Falenczyk eindeutig auf das Komikzentrum der Zuschauer. Er wird den Schuss aber wohl verfehlen, denn Frank säuft hart. Er ist Alkoholiker. Da muss die Flasche Schnaps schon früh am Morgen als Motivation zum Schneeschippen herhalten. Frank verteilt seine Zeit fein säuberlich auf Trinken und Auftragsmorde. Die Trennlinie verschwimmt allerdings immer mehr und als er den Boss der feindlichen irischen Mafiosi (Dennis Farina) umlegen soll, stattdessen aber hackedicht im Auto einschläft, schickt ihn seine Familie nach San Francisco zu den Anonymen Alkoholikern. Nebenher darf Frank weiter mit Leichen arbeiten; allerdings im Bestattungsinstitut. Hier lernt er die resolute Laurel kennen und auch wenn die erste Annäherung bei einer Beerdigung eher ungelenk läuft, trifft er sie wieder.

Egal, in welcher der oben aufgezählten Kategorien sich der Film bewegt, eines trifft immer zu: „not your average“. Typisch ist hier fast gar nichts. Alle möglichen Filme klingen hier an. Von „Léon“ über „Leaving Las Vegas“ bis „Grabgeflüster“. Aber so zusammengepackt hat man die Elemente selten gesehen. Ein fast völlig frischer Genuss. Fast. Stur gegen die Originalität stellt sich die Gesamtstruktur. Erzählen nach Zahlen. Hätten wir es hier nicht mit Killer-Alkis, schwulen Alki-Helfern und reichlich weiteren Skurillitäten zu tun, würde hier Schema F vollends die Kontrolle übernehmen und „You Kill Me“ würde als Routine-Dramödie neben all den geleerten Flaschen im Mülleimer verschwinden. Die Wendungen in der Transformierung und Läuterung des Helden hat der geneigte Lichtspielhausbesetzer oft genug gesehen, um per Stoppuhr den Moment vorhersagen zu können, in dem die aufkeimende Liebe auf eine erste Probe gestellt wird, diese überwindet, um dann doch scheinbar zu verwelken, im Finale aber die letzte Chance erhält.

Unter anderem deshalb kommen die Elemente, die den unendlichen Genre-tags das „Drama“ hinzufügen, am schwächsten daher. Wenig hilfreich für eine ernste und ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Thema „Alkoholismus“ sind außerdem die Zugeständnisse, die der Zuschauer in Sachen „Realismus“ machen muss. Der Killer, der vor die Anonymen Alkoholiker tritt und beichtet (obschon eine der lustigsten Stellen des Films), die Freundin, die nicht nur nicht angewidert ist von Franks mordsmäßiger Vergangenheit, sondern sich auch noch dafür interessiert und die richtige Technik lernt, jemandem die Kehle durchzuschneiden – das alles strapaziert den Glauben an das Gezeigte sehr.

Ordentlich sind dagegen sowohl Komik und – ich mochte es kaum glauben – Romantik. Schwarzer Humor an allen Ecken und Enden, was bei dem Plot kein Wunder sein dürfte. Und selbst die unwirkliche Liebelei zwischen dem trinkenden Killer und Laurel wirkt auf wundersame Weise plausibel. Hut ab vor Téa Leoni, die es mit feinem Zynismus und zugleich subtil dargestellter Sehnsucht nach Nähe schafft, die Beziehung glaubhaft wirken zu lassen. Ben Kingsley ist souverän in den Szenen und vor allem komisch. Seine Reaktionen auf heulende Teilnehmer der Therapiegruppe und ähnliche sind unbezahlbar. Die Gesamtfigur Frank ist aber seltsam ambivalent. Ich kann nicht den Finger drauflegen: Ist es er, ist es das Drehbuch? Wenn ich einen Schuldigen suchen müsste, würde ich auf die Autoren tippen. Denn auch die Figuren von Bill Pullman, Luke Wilson, Dennis Farina und Philipp Baker Hall sind alles andere als dreidimensional. Die beiden Veteranen laufen in bewährter Gangsterboss-Routine auf, Wilsons Figur ist unnötig wie ein Kropf. Einzig Pullman holt sich mit maximalem Effekt bei minimalem Material noch Applaus ab.

Dem Drehbuch der „Gebrüder Narnia“ Markus und McFeely nahm sich neo-noir-Geheimtipp John Dahl an. Und noir und Alkoholismus ergänzen sich ja auch durchaus gut in ihren (selbst-)zerstörerischen Zügen. In „You Kill Me“ funktioniert die Symbiose vor allem auf Ebene der Komik. Nicht selbstverständlich. Aber Dahl umkurvt mit seiner nüchternen Inszenierung die Untiefen platter Parodie und unlustiger Verklemmheit und gewinnt dem Film noir teils wunderbare Kuriositäten ab. Wenn etwas selbstverständlich hätte sein sollen, dann der Umgang mit knallharten, ernsten Gangsterszenen. Ganz „noirisch“ bleibt die kriminelle Vergangenheit des Protagonisten immer präsent und holt ihn schlussendlich ein. Aber die Parallelgeschichte bleibt dünn wie die Fahne am Tag nach dem Rausch und der Gangsterpart irritiert und lenkt ab.

Mir stellen sich die hochkulturellen und Tiefgang liebenden Nackenhaare auf, aber: Hätte man lieber mal das Drama aus dem Fenster geschmissen. Oder anders gelöst. So funktioniert es nicht einwandfrei. Was schade ist. Mit der perfekten Ergänzung könnte „You Kill Me“ mehr sein. Mehr als ein locker-flockiger Spaß mit viel schwarzem Humor, kuriosen Figuren à la Coen und niedrigem, leicht konsumierbarem Promillewert. Aber manchmal genügt das ja auch.

(c) cdx.maxinho.2008

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