„The Eye“
(kaum Spoiler)

„Seeing is believing“ – will uns zumindest Jessica Alba im neusten Asia-Horror-Remake-Versuch Hollywoods weismachen. Im Fall von „The Eye“ ist Sehen aber eher Unglaube. Man sieht, glaubt aber seinen Augen nicht. Angesichts dessen, was man da als aufgeschlossener Kinogänger mit wohlweislich schon vorab gesenkter Schmerzgrenze als spannende Gruselunterhaltung vorgeführt bekommt. Obwohl. Seit „The Ring“ so unverhofft und unverschämt viel Geld eingespielt hat, läuft das geschmacksirritierte Aufkochen asiatischer Schreckgeschichten ja durchaus konstant nach Schema F: Hübsch-hölzerne Nachwuchsschauspieler stottern sich gegenseitig Seifenoper-Sätze zu, werden dann in Hochglanz durch allerlei Mysterien zu Tode erschreckt oder tatsächlich um die Ecke gebracht.

Vorbild im neusten Fall hollywood’scher Kreativität ist der 2002er Erfolg „Gin gwai“. Oder wahlweise „Jian gui“ genannt. Aber auch egal. Viel von möglichen Qualitäten blieb auf dem Weg durch die Fleischwolfpipeline von Ost nach West nicht übrig. Jetzt heißt das Ganze eben „The Eye“. Kurios genug. Denn plotrelevant sind zwei Augen. Und zwar die von Sydney (Jessica Alba), einer hübschen Konzertviolinisten, die seit ihrem fünften Lebensjahr blind ist, sich mit ihrer Behinderung aber scheinbar gut arrangiert hat und sogar in einem lächerlich eleganten und stilvoll eingerichteten Apartment wohnt, das sie nie sehen wird. Oder doch. Denn auf das Drängen ihrer Schwester (Parker Posey) hin unterzieht sich Sydney einer Hornhauttransplantation. Schwuppdiwupp, es werde Licht. Zu dem Sehsinn hat sich aber ein sixth sense gesellt und die neuen Guckerchen lassen Sydney gespenstische Dinge sehen. Während fast alle Sydney für komplett durch halten, pfeift Dr. Paul (Alessandro Nivola) auf zahlreiche Jahre Schule und Studium und gefährdet seine Zulassung, um dem Mädel auf der Suche nach dem Ursprung der Ekelvisionen zu helfen…

Wer kennt diese charmanten Internetvideos, in denen zunächst sekundenlang eine idyllische Naturlandschaft oder ein langweiliges Zimmer gezeigt werden, nur um dann mit einer hässlichen Monsterfratze zu schocken? Auf dieses Muster greifen moderne Horrorschnellschüsse gerne zurück – so leider auch das französische Regieduo David Moreau und Xavier Palud, dessen Debüt „Ils“ in Deutschland nicht in den Kinos lief. Etwa alle fünf Minuten saust ein Geist im Voldemort-Outfit oder etwas ähnlich jenseitiges in Richtung Kamera, begleitet von einem fein säuberlich verzerrten und lauten Soundeffekt. Soll ja niemand einschlafen hier.

Dabei sind die Anlagen doch da. Statt Ekelschocks und blutiger Bilder wird ja versucht, auf Atmosphäre zu setzen. Durchaus gelungen werden Sydneys erste Sehversuche entsprechend verschwommen präsentiert. Nur passiert das leider völlig spannungsbefreit. In träger Horrorroutine wird das Mysteryprogramm abgespult. Die Prämisse mit augenscheinlichem Potential wird überhaupt nicht genutzt. Statt der neuen Augen hätte auch ein Schlag mit der Bettpfanne oder abgestandenes Bier als Katalysator für das Geistergucken herhalten können. Von der rohen Kraft der Attacke gegen die Augen (ich sag nur „Un chien andalou“ und „schnipp-schnapp“) ist nichts zu sehen und der Aspekt der Körperlichkeit wird fast vollends vernachlässigt. Ja selbst der sehr reale Horror des Wiedererlernens des Sehens bleibt so gut wie außen vor. Schade. Stattdessen also ein dahinplätscherndes Drama mit Schockeffekten hier und da.

Im Original schrie und heulte Angelica Lee, die bei den Hong Kong Film Awards, dem Golden Horse Film Festival oder den Golden Bauhinia Awards als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Jetzt schreit und heult Jessica Alba, die einen MTV Movie Award und einen Kid’s Choice Award auf dem Kamin stehen hat. Nicht für ihre überwältigenden Darstellungen bekannt tut Alba das, was sie kann. Gut aussehen. „Eye candy“ eben. Wie passend. Sei noch angemerkt, dass auch ihre Mitstreiter wenig Energie investieren und vornehmlich seltsam (re)agierende Trantüten abgeben. Vor allem „Pollux“ Nivola scheint nach dem Motto „ach, hm, jetzt schrei ich den Text mal, oder halt, nee, ich murmel mal, egal“ vorgegangen zu sein. Immerhin schafft er es so seiner Rolle eine gewissermaßen interessante Ambivalenz zu verleihen.

So driftet „The Eye“ also seine knapp 100 Minuten dahin und einem Finale entgegen, das vorhersehbarer ist als das EM-Vorrundenaus der Österreicher. Der Film bleibt weit unter seinen Möglichkeiten, ist aber leicht konsumierbar, sieht dank souveräner Produktion dufte aus, und wem eine Hand voll Shock Cuts reicht, darf sich gerne nach „The Ring“, „The Grudge“, „Dark Water“, „One Missed Call“, „Pulse“ und „Shutter“ auch diesem Teil der Asia-Horror-Downward-Spiral aussetzen. Ich für meinen Teil wende die hohe Kunst der Vergesslichkeit an und beschränke meine Erinnerungen auf die Erkenntnis, dass „Terroristen“ scheinbar das Wort „Feuer“ als Weck- und Warnruf abgelöst hat.

(c) cdx.maxinho.2008

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