„Die Geschwister Savage“ („The Savages“)
(geringe Spoiler)

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„Lüge“ ist so ein hartes Wort. Aber oftmals steckt nicht allzu viel Wahrheit in Filmtrailern. Rekapitulieren wir: Schwierige Situationen sind unangenehm, alte Menschen und ihre Gebrechen lösen in der Regel Unbehagen aus, die Pflege alter Menschen steht bei wenigen auf den vorderen Plätzen der Hobbyliste, und bei einer authentischen filmischen Darstellung dieser Thematiken wird nicht der Realität entflohen, Eskapisten müssen in einen anderen Kinosaal umziehen. Der als Komödie beworbene „Die Geschwister Savage“ greift ein Thema auf, das gerade auch in Deutschland in öffentlichen Diskussionen, in der Medienberichterstattung und im kleinsten Kreis sowieso nur allzu oft unter den Teppich gekehrt wird. Also stellen wir flink fest: Das Drama von Writer-Director Tamara Jenkins ist kein Wohlfühlfilm – aber das ist ja kein Qualitätsmerkmal.

Filme über die elterliche Fürsorge für ein Baby flimmern so regelmäßig über die Kinoleinwand wie der Nachwuchs die Windeln verbraucht. Vergleichsweise selten sieht der Lichtspielhausbesetzer Filme über einen Vater im Greisenalter, der ebenfalls Windeln verbraucht und mit seinen Exkrementen Schimpfwörter an die Wand schreibt. Nicht aus lustig bösartiger Laune heraus. Nicht im Zuge eines Fäkalwitzes der Farrellys. Sondern weil Lenny Savage (Philip Bosco) an Demenz leidet. Er kann nicht mehr für sich selbst sorgen. Deshalb werden seine Kinder Jon (Philip Seymour Hoffman) und Wendy (Laura Linney) benachrichtigt. Er Collegeprofessor in Buffalo und verkappter Schriftsteller von Büchern über Berthold Brecht, sie New Yorkerin und erfolglose Theaterautorin. Die Geschwister, die kaum mit dem eigenen Leben fertig werden, sich und ihren Vater lange nicht gesehen haben und deren Erziehung tiefe Wunden hinterlassen hat, holen Lenny in ein Pflegeheim nach Buffalo. Wendy zieht beim großen Bruder auf die Couch und beide reiben sich bei Besuchen ihres schwerkranken Dads und aneinander auf.

Nach dieser Exposition beginnt ein Mittelteil fast ohne großen Handlungsfortschritt. Es passieren eher Kleinigkeiten, keine kolossalen Kausalitäten oder verblüffenden Wendungen. Die großen Entwicklungen sind die der Geschwister. Dabei weiß man nur wenig über sie. So erahnt der Zuschauer zwar ihre Kindheit als krudes Konglomerat suboptimaler bis traumatischer Erlebnisse, erfährt aber erst zuletzt, was sich genau abgespielt hat, und dann auch nur fragmentarisch. Penibel ausgearbeitete Hintergrundinfos werden allerdings nicht im Übermaß vermisst. Es ist die Situation der Umkehrung von familiärer Fürsorge, in der die Figuren präsentiert und entwickelt werden. In ihren dysfunktionalen Lebensentwürfen, mit ihren kleinen Lügen sich und anderen gegenüber, sind Jon und Wendy nicht immer sympathisch, nie perfekt, über die Dauer des Films aber so real anmutend, dass der Zuschauer nicht umher kommt, sich für ihre Schicksale zu interessieren. Zumal es keines Pflegefalls in der eigenen Familie benötigt, um sich in die Protagonisten einzufühlen; das schafft mit etwas Willen sogar der sonst so gleichgültige Jugendliche, möchte ich mutmaßen.

In jeder Opawindel, neben jeder ruppigen Pflegerin, hinter all den kritischen Momenten lauert eine Gefahr – das allen Genuss, jeden Realitätsbezug fressende, vor Kitsch triefende Melodram. Seien Sie beruhigt! Tamara Jenkins (Oscarnominierung) schlägt eine zurückgenommene Regieroute ein und umschifft diesen Fettnapf gekonnt. Und schmeißt dabei auch zu schwer auf der Zuschauerseele liegende Steine über Bord. Trotz ernster Momente, die oft Unbehagen, Fremdschämattacken und Mitleid auslösen – etwa wenn Wendy ihren Vater auf die Flugzeugtoilette begleitet, ihm beim Gang die Hose herunter rutscht und die Windel zum Vorschein kommt –, bleiben Nischen für Komisches. Bleibt Zeit für ein kleines, auflockerndes Grinsen hier und da, obwohl wenig lustig ist.

Wie bei so vielen so genannten Charakterstudien geht die Wirkung dabei mit den schauspielerischen Darstellungen einher. Philip Bosco beweist hier Courage und entwirft mit niedriger Schmerzgrenze den demenzkranken Lenny als weitgehend klischeefreien, nicht ständig geifernden Pflegefall mit sporadischen Lichtblicken. Überraschend subtil agiert auch Philip Seymour Hoffman. Nachdem er zuletzt in „Charlie Wilson’s War“ und „Before The Devil Knows You’re Dead“ den brodelnden Exzentriker mimen durfte, schlägt er in „The Savages“ dezentere Töne an, verliert dabei aber keineswegs seine erschreckend souveräne Art, die Szenen dem Moment angemessen, gleichzeitig aber überaus interessant zu gestalten. Es ist herrlich, ihn zu beobachten und zu hören – für mich hier noch mehr als in vorgenannten Filmen. Schwesterchen Laura Linney (Oscarnominierung) ist in der Rolle der geschundenen, leidenden Frau spürbar beheimatet. Sie scheint sich die hierfür zu zeigenden Nuancen zu eigen gemacht zu haben und inzwischen stets effektiv abrufen zu können. Sie scheut sich vor nichts, bietet dem Zuschauer viel und ist ihrem schwergewichtigen (Achtung, Doppeldeutigkeit!) Leinwandbruder ein kongenialer Schauspielpartner.

Während in Deutschland allmählich die wärmere Jahreszeit beginnt, die Sonne die Oberhand gewinnt und Frühlingsgefühle aufkeimen, läuft also „Die Geschwister Savage“ in den Kinos an. Da kann man nicht unmittelbar von klingelnden Kassen ausgehen; aber einen tollen Film erwarten, der ein nicht einfaches Thema optimal zurückhaltend, dabei nicht zu schwerfällig präsentiert, mit authentischen Darstellern aufwartet und denjenigen, die sich nicht vor „zu viel Realität“ fürchten, ein berührendes Kinoerlebnis bescheren kann.

(c) cdx.maxinho.2008

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