„Tödliche Entscheidung“ („Before The Devil Knows You’re Dead“)
(mittlere Spoilergefahr)

Sidney Lumet kehrt ins Kino zurück – mit „Tödliche Entscheidung“ (OT: „Before The Devil Knows You’re Dead“), ein unterkühltes, trotzdem packendes Psychogramm eines zum Scheitern verdammten Brüderpaars.
Der Film „Tödliche Entscheidung“ trägt im Original den Titel „Before The Devil Knows You’re Dead“.
„Before The Devil Knows You’re Dead“, in den deutschen Kinos unter dem Titel „Tödliche Entscheidung“ zu sehen, ist Sidney Lumets neuer Film…

Déjà-vu-Gefühle? Die bekommt man auch zeitweise im Kino. Der Regiealtmeister bedient sich der überaus modischen Strategie, Handlungen mehrfach, aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und flechtet zudem Zeitsprünge ein. Das geschieht gekonnt, ist wohl unkonventionell und weckt bei dem ein oder anderen Zuschauer mit Konzentrationsdefizit sicher zusätzliches Interesse, kann sich aber nur schwer des „l’art pour l’art“-Vorwurfs erwehren. Notwendig hat der starke Plot diese Spitzfindigkeit nicht.

Ein Juwelenraub. Damit wollen sich die beiden Brüder Andy (Philip Seymour Hoffman) und Hank (Ethan Hawke) sanieren. Beide haben ernste Geldprobleme – Andy will für seine Frau Gina (Marisa Tomei) und reichlich Koks aufkommen, Hank muss Alimente zahlen. Dass beide deutlich schwerwiegendere Probleme haben, wird dem Zuschauer noch vor den beiden klar. In unabdingbarer Logik trudelt das Brüderpaar einem sogartigen, umfassenden Scheitern entgegen. Was als perfektes Verbrechen geplant war, geht in allen Belangen schief und am Ende des Raubzuges bleiben dem verantwortungslosen Duo nicht nur größere Geldprobleme als zuvor, sondern vor allem Blut an ihren Händen. Blut der eigenen Mutter.

Im Gegensatz zu seinen großen Filmen wie „Dog Day Afternoon“, „Serpico“ oder „12 Angry Men“, in denen Menschlichkeit im Kriminellen korrumpiert oder tragisch geschunden wird, lässt Lumet hier kein Mitleid zu. In langen Einstellungen und matten Bildern zeigt er eine Trostlosigkeit, in die sich die Protagonisten selbst manövrieren und aus der sie sich nicht befreien können. In dieser kalten Atmosphäre lässt er den Thriller Rahmen bzw. Ausgangspunkt sein für eine schockierende Familientragödie, wie sie Sophokles nicht hätte dramatischer gestalten können.

Hoffman und Hawke spielen dabei das tragische, grundverschiedene Brüderpaar, das sich einem schonungslosen Existenzkampf stellen muss. In einem Punkt sind sich beide aber erschreckend ähnlich: In wenigen Momenten scheinen sie sich selbst zu spielen, nämlich dann, wenn ihre ureigenen, seit zahlreichen Filmen gepflegten Manierismen zum Vorschein kommen. In den restlichen 99% der Zeit – und das sei nach der peniblen Anmerkung deutlich hervorgehoben – tragen sie den Film abseits von Melodram oder Klischee und machen den manischen Andy und den wenig selbstbewussten Hank zu Menschen, die man zwar nicht bemitleidet oder bewundert, aber die man versteht und deren Schicksal berührt. Optimal zurückhaltend ergänzt Marisa Tomei beide als Ehefrau und Liebhaberin und ist dabei freizügig wie nie. Herausragend und letztlich Katalysator der abgründigen Tragödie ist Albert Finney, der als rachsüchtig trauernder Vater erst der tatenlosen Hoffnungslosigkeit ausgesetzt ist, dann in stummer Wut das marode Familienschicksal besiegelt. Zu schade, dass ihm nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Ob einer derartigen Vorherbestimmtheit des Scheiterns wünscht man sich eine ebenso geradlinige Erzählung. Ein stringentes Voranschreiten, das die Wucht des Plots noch stärker und ohne Verschnaufpause auf den Zuschauer wirken lässt. Erheblichen Schaden nimmt der Film aufgrund der Zeit- und Perspektivensprünge freilich nicht. Konsequent in seiner Bitterkeit entwickelt „Before The Devil Knows You’re Dead“ aus dem scheinbar simplen Thrillerelement des missglückten Raubüberfalls eine alles und jeden vernichtende Energie, die, obwohl nicht ganz lückenlos, die Geschehnisse unaufhaltsam zuspitzt und das hoffende Publikum immer wieder aufs Neue vor den Kopf stößt. Die unterkühlte Präsentation ist dabei die einzig richtige Wahl, um nicht als schleimig-emotionaler TV-Film daherzukommen.

Während sich die Filmweisen aller Länder über ein Comeback Sidney Lumets freuen, werden sich die Kinogänger kaum um den Mann im Regiestuhl kümmern. So war es bei dem inzwischen 83-jährigen immer und so wird es auch weiterhin sein. Bei einem Regisseur ohne distinguierten, extrovertierten Stil, der seine Kniffe und Tricks der Geschichte unterordnet, wird immer die Geschichte selbst im Mittelpunkt stehen. Und die bietet einen ironischen Krimi, die sich alsbald in eine Familientragödie um Misserfolg, Neid, Eifersucht, Wut und Hoffnungslosigkeit wandelt.

P.S.: Die Petition zum Verbot des Wortes „tödlich“ und all seiner Derivate in deutschen Kinofilmtiteln läuft hoffentlich.

(c) cdx.maxinho.2008

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