„Juno“
(geringe Spoiler)

„Thank god for teen pregnancy.“ – Jon Stewart

Zwischen all den mit Druckluft tötenden Auftragskillern, singend-frisierenden Racheengeln, soziopathischen Ölmagnaten und ganzkörpertätowierten Russenmafiosi sticht „Juno“ wie ein bunter Hippie an der Wall Street hervor. Jason Reitmans Film ist die diesjährige Variante der leichtfüßigen Komödie mit Tiefgang, die in die düster-dramatische Phalanx von Hollywoods Award-Aspiranten einbricht, ganz in der Tradition von „Little Miss Sunshine“. In dieser Schublade landete „Juno“ noch vor dem Kinostart in den USA – und trotzdem findet der Film einen eigenen Rhythmus und weiß zu begeistern.

Juno, das ist ein 16-jähriges Mädchen (Ellen Page), das ihr eigenes Gewicht in Orangensaft in sich schüttet, um noch einmal pinkeln zu können. Schließlich sah das Pluszeichen mehr wie ein Geteiltzeichen aus. Aber auch der dritte Schwangerschaftstest zeigt: Das erste Mal mit Freund Pauli Bleeker (Michael Cera), eigentlich mehr ein Experiment aus Langeweile, schlug voll ein. Ihre unmittelbare Schlussfolgerungen: Sie ist zu jung, eine Abtreibung muss her. Aber da ihr die Klinik erstmal ein Kondom schenkt und auch sonst keine gute Stimmung verbreitet, wird die Alternative verfolgt: Das Ungeborene, „a sweet screaming pooping gift of life“, wird zur Adoption freigegeben.
Nachdem Juno ihrem Vater (J.K. Simmons) und ihrer Schwiegermutter (Allison Janney) die „frohe Botschaft“ gebeichtet hat, findet sich in den Inseraten suchender Eltern – gleich neben „Suche Leguan“ und „Suche Fitnessgerät“ – schnell ein passendes Paar. Vanessa (Jennifer Garner) und Mark (Jason Bateman) scheinen genau die reichen Menschen aus dem Yuppie-Bilderbuch zu sein, denen man gerne ein Kind ins Haus wirft. Zumindest Vanessa. Mark scheint sich mit dem Vater-Ding noch nicht recht anfreunden zu können – mit Juno dagegen schon.

Der Film schreit förmlich „Ich bin Indie, liebt mich“. Von der animierten Titelsequenz, den eingängigen Songwriter-Songs, den kleinen Eigenartigkeiten bis zu den auf geistreichen Witz getrimmten Dialogen. „Juno“ packt genau das auf die Ladentheke, was der Kunde erwartet. Aber nicht nur und so überwindet der Film das „alles schon einmal dagewesen“-Stigma. Dafür ist das Erstlingsdrehbuch der Ex-Stripperin Diablo Cody einfach zu gut. Scheinbar jedes gesprochene Wort sprüht nur so vor wahlweise leichtem Witz, herzlicher Wärme oder simpler Wahrheit. Dass diese dann fast schon zu perfekt geschliffenen Zeilen funktionieren, verdankt der Film wiederum seiner Hauptdarstellerin. Ellen Page präsentiert die Kaskaden Vokabular beugender Satzwunder mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, dass den wenigsten Zuschauern das Schmunzeln ausbleiben wird. Darüber hinaus überzeugt die 21-jährige in ihrer Darstellung mit Tiefgang und lässt subtil die Unsicherheiten und Ängste hervorlinsen, die selbst der wohl toughesten 16-jährigen seit Langem nicht erspart bleiben.

So wie hinter Junos süffisantem Sarkasmus eine echte Person verborgen ist, so offenbart der Film mehr als die Indie-Oberfläche vermuten lässt. Eltern, die der schwangeren Tochter nicht den Kopf abreißen und den befruchtenden Bösewicht die Männlichkeit rauben möchten, sondern Verständnis und kuriosen Aktionismus entwickeln. Typisch gleichgültig agierende Teens, denen aber so gar nichts wirklich gleichgültig ist. In seiner Andersartigkeit der Standardmomente kreiert „Juno“ real anmutende Charaktere, die ohne weiteres die Empathie des Zuschauers gewinnen dürften.

Real anmutend, nicht uneingeschränkt real. Denn der Zuckergussfaktor ist bei aller Lobpreisung hoch und ein leicht märchenhafter Touch wird vor allem den Realisten im Kinosaal nicht entgehen. Geistreiche, rasant vorgetragene Dialoge sind selten die dem Leben nahesten und die arge Choreographie des Plots ist zumindest Wächtern der Wirklichkeitstreue womöglich nicht authentisch genug.

Die meisten Lichtspielhausgänger dürften sich daran aber wenig stören. Ohne groß angelegte Pointen sorgt „Juno“ für Wohlbefinden und stetes Grinsen. Ohne überbordenden Kitsch schaffen gut dosierte Emotionen außerdem dieses eine warme Gefühl in der Bauchgegend, das so wenige Filme bieten können. Neben dem Leinwandgold Ellen Page runden durchweg gut aufgelegte Darsteller den Cast ab; insbesondere Garner glüht regelrecht als Frau mit Kinderwunsch. Die Lieder mit Ohrwurmpotenzial tun ihr Übriges dazu.

„Juno“ ist mit seinem US-Einspielergebnis von bislang über 135 Millionen Dollar der erfolgreichste Film der als Indie-Publisher etablierten Fox Searchlight Pictures, erhielt vier Oscarnominierungen, gewann den Academy Award für das beste Original-Drehbuch und kommt als Kritikerliebling in die deutschen Kinos – die Erfolgsaussichten sind dennoch gering. Den Preisen und Lobpreisungen andere Filme trotzend sind es seit Jahren die großen Blockbuster und deutschen Komödien, die für klingelnde Kassen sorgen. Ein Überraschungserfolg wie in den USA wird „Juno“ kaum vergönnt sein – außer der bei jedem Zuschauer, der sich den Film anschauen wird. Thank god for teen pregnancy.

(c) cdx.maxinho.2008

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