„The Darjeeling Limited“
(geringe spoiler)

Wes Andersons Film beginnt, wie die wenigsten Filme, mit einem Kurzfilm. In Deutschland vorm Hauptfilm gezeigt, in den USA nicht. Haben wir ein Glück. „Hotel Chevalier“ ist ein interessanter, aktionsarmer, dennoch lieblicher „establishing“-Kurzfilm, mit einer splitterfasernackten Natalie Portman und Hintergrundinfos zur unglücklichen Liebesbeziehung zu einer „On & Off“-Freundin von Jack, gespielt von Jason Schwartzman, einem der drei Whitman-Brüder. Um diese Brüder und deren Wieder-Zueinander-Finden dreht es sich in „The Darjeeling Limited“.

Einmal mehr zeigt Anderson eine ungewöhnliche Familie, zerrüttet, nicht intakt nach herkömmlichen Standards, mit Mitgliedern auf der Suche nach sich selbst und einander. Nachdem der Kontakt nach der Beerdigung des Vaters abriss, lädt der Älteste (Owen Wilson) seine Brüder Jack und Peter (Adrien Brody) zu einer Indienreise per Zug, die alte Bande neu knüpfen soll. Der eine mit Turban, Hustensaft als Droge und übertriebenem Optimismus, der andere bald mit Hausschlange, alle drei mit unsicheren, deprimierten Minen – und stets mit grandios trockenem Witz, der vielleicht nicht für die oft zitierten „laugh out loud“-Momente sorgt (verstehen wir uns nicht falsch: der Film ist stellenweise schweinewitzig), mehr für ein stetiges Wohlbefinden samt Grinsen.

Der Schauplatz Indien spielt Anderson voll in die Karten. Er perfektioniert seinen unverkennbaren Farbeinsatz weiter und inszeniert wunderschöne und oft genug symbolträchtige Bilder. In der bewusst künstlichen Welt wirkten seine Charaktere bislang oft „fleischlos“, ähnlich künstlich – hier nicht. In seinem für mein Dafürhalten bislang gelungensten Film schlummert unter der artifiziellen Oberfläche emotionales Potential, das im Verlauf des Plots durchs Unterspielen der Darsteller (alle drei Hauptdarsteller wissen zu gefallen; kuriosen Gegenpart mit schräger Mini-Rolle bildet Anjelica Huston ), durch die choreographierte Bewegung vor der Kamera (herrlich: Adrien Brody gewinnt einen Zeitlupenlauf gegen Bill Murray) und der Kamera selbst (viele Seitenfahrten, die einer Zugfahrt gleichen) und durch die kräftigen Farben zu mir durchdringt. Allein dadurch können – im Gegensatz zu etwa „Steve Zissou“ oder „Tenenbaums“ – die Gestaltungsmittel den Makel des Selbstzwecks vollends abschütteln.

Was sicher Kritik anzieht – und auch ich mache mich nicht von diesem Punkt frei –, ist das Fehlen oder das Verstecken eines roten Fadens. Es gibt kein Ziel. Traditionelle Filmtheoriemodelle lassen sich nicht auf Anderson-Filme anwenden. Aber müssen sie das? Die Erwartungshaltung des Zuschauers, über Jahrzehnte Kino hinweg herausgebildet, verlangt es wohl. Allerdings ist es immer wieder schön zu sehen, wenn Filmemacher dagegen anstreben und ausgetretene Pfade verlassen. Und noch schöner ist es, wenn diese Filmemacher sich sichtbar weiter entwickeln und ihren Filmen die nötigen Schliffe verpassen.

(c) cdx.maxinho.2008

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